Küstenwanderung im südlichen Cilento

Vom Fischerstädtchen Marina di Camerota entlang des paradiesischen Küstenstreifens zur Baia degli Infreschi - (c) Susanne Wess

Romantische Buchten, unberührte Natur und authentische Gaumenfreuden erwarten Genusswanderer, die sich aufmachen den Cilento Nationalpark in Kampanien, rund 120 südlichen von Neapel, zu erkunden. Wir wandern vom Fischerstädtchen Marina di Camerota entlang des paradiesischen Küstenstreifens zur Baia degli Infreschi – und können uns nicht entscheiden, welcher der vielen Blautöne zwischen Himmel und Meer uns am meisten fasziniert.

Los geht die eindrucksvolle Tour, die leicht trainierte Wanderer gut bewältigen, im quirligen Hafenstädtchen Marina di Camerota, das mit seinen rund 3.500 Einwohner einer der beliebtesten Urlaubsorte des Cilento ist. Am „porto turistico“, dem touristischen Hafen, schaukeln bunt bemalte Fischerboote an der Mole neben schicken, weißen Motorbooten und sind schon das erste pittoreske Fotomotiv des Tages – unzählige weitere werden folgen. In einer der kleinen Bars stärken wir uns vor dem Start mit einem Caffé und einer Brioche und besorgen uns in der Bäckerei nebenan ausreichend Wasser und eine würzige Focaccia als Wegzehrung – schließlich haben wir rund zweieinhalb Stunden Wanderung und acht Kilometer Wegstrecke vor uns, und die Sonne strahlt uns schon jetzt wärmend vom azurblauen Himmel entgegen.

Wir starten am breiten Lentiscelle-Strand östlich des Hafens. Die Tour ist durchgehend gut markiert. Sie führt uns zunächst vorbei an der Grotta della Cala und der Grotta Sepolcrale, einer Wohnhöhle und einer „Bestattungshöhle“, die beide noch auf die Besiedlung in der Steinzeit zurückreichen. Von hier laufen wir auf schmalen Straßen an einigen kleinen Wohnhäusern vorbei, dann weiter über Schotter und alte Wirtschaftswege durch die duftende Macchia. Hinter Trockenmauern ragen uralte Olivenbäume in den Himmel, Rosmarinsträucher, von denen man zuhause nur träumen kann, und hochgewachsene Kaktusfeigen mit ihren süßen, aber stacheligen Früchten sowie die schnuckelige Ape eines Bauern säumen unseren Weg. Hier hat man ganz das Gefühl im Herzen des Mezzogiorno angekommen zu sein. Immer wieder gibt die Natur atemberaubende Blicke auf die Küste frei, wo sich das Meer in allen Spielarten der Farbe Blau wie ein glitzernder Teppich ausbreitet. Wir wandern weiter auf kleinen, aber gut begehbaren Trampelpfaden und gelangen hinunter zum paradiesischen Kieselstrand Spiaggia Pozzallo, wo das Wasser zum Baden im tiefblauen Meer lockt. Nach einem Sprung in das erfrischende Nass wartet in der kleinen, von schattenspendenden Schirmpinien gesäumten Bar eine kleine Auswahl erfrischender Getränke auf uns. Den Hunger sparen wir uns für später auf – es ist ja noch früh am Tag – auch wenn das Lokal mit urigen Holztischen und echter "Cucina Cilentana" lockt: fangfrischer Fisch, Pasta, Gemüse von den Bauern der Region - zubereitet in bestem Olivenöl aus Pisciotta, so erzählt uns die Inhaberin beim Servieren der Getränke.

Dem Paradies auf der Spur, zur Cala Bianca und Baia degli Infreschi
Doch uns zieht es weiter. Nach einem Kilometer Fußmarsch kommen wir über einen Abstecher zum ebenso menschenleeren wie bezaubernden kleinen Strand der Cala Bianca – ein weiteres Stückchen Paradies auf Erden auf unserem Weg zum eigentlichen Ziel, der Baia degli Infreschi. Es ist jene Bucht, von der Generationen von Cilento-Urlaubern mit glänzenden Augen und Entzücken in der Stimme schwärmen. Also weiter geht’s auf unserem Weg, den in der Nebensaison nur wenige andere Wandersleute kreuzen. Wir steigen naturbelassene Treppenstufen hinauf, marschieren vorbei an hohen Aleppo-Pinien, die über bunte Myrte-Sträucher und Kakteen ragen und erfreuen uns immer wieder am Duft der Macchia und dem Anblick knorriger Olivenbäume, deren dunkles Holz einen so faszinierenden Kontrast zum türkis und azurblau schimmernden Meer bildet. Kleine quietschgrüne Eidechsen huschen über den Weg, eine sanfte Brise lässt wohltuende Frische aufkommen. Ein gemütliches Auf und Ab stellt sich ein, einsame Kapellen und kleine Grotten lassen wir im Hintergrund zurück und marschieren leichten Fußes oberhalb der zerklüfteten Steilküste. Etwa eine Stunde später, und mit unzähligen faszinierenden Ausblicken auf das glitzernde Wasser und den Golf von Policastro, erreichen wir im wahrsten Sinne des Wortes eine Oase: eine urige Snack-Bar namens Oasi Infreschi, die mit kleinen Gerichten, zubereitet aus Produkten aus eigenem Anbau lockt. Eine kurze Rast muss sein: mit einem Fresella-Sandwich mit frischen Tomaten und Auberginen, einem kühlen Nastro Azzurro-Bier und dabei die Ruhe genießen, denn „Slow“ sollte bei all der Naturschönheit ein Urlaub im Cilento immer sein.

Erholt und erfrischt steigen wir schließlich einige Stufen hinab zum natürlichen Hafenrund der Baia degli Infreschi, die einst ein antiker römischer Hafen war, und daher auch Porto degli Infreschi genannt wird. Den Namen „Infreschi“ verdankt die wildromantische Bucht den zahlreichen Süßwasserquellen, die hier den Meeresgrotten entspringen. Bis Ende des 19. Jahrhunderts kamen die Fischer hier zur Thunfischjagd her. Sie haben sich im klaren Wasser der Quellen erfrischt und konnten gleichzeitig in der Kühle der Höhlen den gefangenen Fisch lagern.

Vom Berg aufs Boot: Grottentour zurück nach Marina di Camerota
Natürlich führt kein Weg an einem ausgiebigen Bad im kristallklaren Wasser vorbei. Und es kommt schon etwas Karibikfeeling auf, als wir im türkisblauen Meer plantschen und kleine pastellfarbene Fischlein zwischen unseren Beinen hindurchschwimmen – die Szenerie wirkt wie in einem bunten Disney-Film. Nach der verdienten Abkühlung steigen wir in ein Boot der Fischerkooperative Cilento Blu, um die Rückfahrt via Mare zu genießen. Die Fahrt führt vorbei an schroffen Kalkfelsen, die bis zu 80 Meter senkrecht ins Meer abfallen, unterbrochen von weiteren paradiesischen Badebuchten und geheimnisvollen Meeresgrotten. Um die 30 Stück gibt es hier am Golf von Palinuro, fünf davon sind per Boot zu besichtigen, darunter etwa die „Grotta Azzurra“, die „Blaue Grotte“, die an Schönheit ihrer berühmten Schwester auf Capri in nichts nachsteht und dabei deutlich weniger überlaufen ist.

Zum Abschluss der kleinen Tour lädt die Bootscrew ihre Besucher auf ein Gläschen süßlichen Schaumwein ein – genau das Richtige, um sich mit den anderen Wanderern „Cin Cin“ zuzuprosten und auf das Dolce Far Niente, das süße Nichtstun, nach einem so eindrucksvollen Tag anzustoßen. Kurz darauf laufen wir in den Hafen von Marina di Camerota ein und sehen uns hier schon mal nach einem kleinen Altstadtlokal mit echter Cucina Cilentana fürs Abendessen um. Aber das wird eine andere Genussgeschichte, die beim nächsten Mal erzählt werden soll ....

Weitere Informationen
Individuelle Wanderreisen mit www.wandernitalien.com
Der Veranstalter Peter Hoogstaden, Inhaber der Agentur Genius Loci Travel

www.genius-loci.it lebt seit über 20 Jahren in Kampanien und kennt den Cilento wie seine Westentasche  – stellt Individualwanderern Routen mit ausführlicher Wegbeschreibung und Kartenmaterial, sozusagen zum „Nachwandern“ an.

Unterkünfte
Grandhotel San Pietro
4-Sterne-Haus direkt am Golf von Palinuro mit Privatstrand, Wellness- und Fitnesszentrum, Pool und Gourmetrestaurant mit großer Terrasse und Meerblick. Alle Zimmer liegen ebenfalls direkt am Meer und verfügen über einen geräumigen Balkon. www.grandhotelsanpietro.com

La Casa di Paolo
Kleines, äußerst charmantes Boutique-Hotel in Marina di Camerota mit schickem Majolikafliesen-Dekor aus Vietri und Zimmern, die liebevoll mit einem Mix aus antikem Mobiliar und Designmöbeln ausgestattet sind. Wunderschöner Garten, in dem auch das feine Frühstück mit lokalen Produkten der Saison serviert wird.
www.casadipaolo.com

Restaurants
La Taverna del Mozzo am Lungomare
Edles Fischrestaurant, das zu den 50 besten seiner Art in ganz Italien zählt. Fangfrische lokale Fische und Meeresfrüchte, viele Bioprodukte und eine schöne Weinkarte mit edlen Tropfen aus ganz Italien. Lungomare Trieste 95, Marina di Camerota www.latavernadelmozzo.it

Trattoria-Pizzeria La Maracucciata
Klassische Hausmannskost, in der die typischen Gerichte des Cilento aufs Feinste zubereitet und auf Steingut-Tellern serviert werden.
Via del Marchese 13, Marina di Camerota

La Locanda di Romeo
Nettes Hafenlokal, das vor allem klassische Fischgerichte der Region zu erschwinglichen Preisen und in guter Qualität anbietet. Besonderer Anziehungspunkt: die Dachterrasse des Lokals. Lungomare Trieste, Marina di Camerota
 
Weitere Tipps
Konsortium Cilento di Qualità
Hier finden sich zahlreiche authentische Tipps zu weiteren Restaurants und hübschen Unterkünften sowie zu Ausflügen und Events in der Region.
www.cilentodiqualita.it

Die Fischerkooperative Cilento Blu bietet erlebnisreiche Bootstouren rund um den Golf von Palinuro und Marina di Camerota an.
www.coopcilentoblu.com

Reiseführer
Golf von Neapel / Kampanien / Cilento „Handbuch für individuelle Entdecker“ von Peter Amann
Umfangreicher und detailgenauer Reiseführer des Kampanien-Experten Peter Amann, der neben der Beschreibung klassischer sowie weniger bekannter Ziele auch unzählige Geheimtipps in Sachen Unterkünfte, Restaurants und Aktivitäten preisgibt inklusive 30 Stadtplänen und Übersichtskarten.
Erschienen bei Reise Know-How – 23,90 € – ISBN 978-3-8317-3112-1
(8. neu bearbeitete und aktualisierte Auflage 2018)

Vom Fischerstädtchen Marina di Camerota entlang des paradiesischen Küstenstreifens zur Baia degli Infreschi - (c) Susanne Wess
Vom Fischerstädtchen Marina di Camerota entlang des paradiesischen Küstenstreifens zur Baia degli Infreschi - (c) Susanne Wess
Vom Fischerstädtchen Marina di Camerota entlang des paradiesischen Küstenstreifens zur Baia degli Infreschi - (c) Susanne Wess
Vom Fischerstädtchen Marina di Camerota entlang des paradiesischen Küstenstreifens zur Baia degli Infreschi - (c) Susanne Wess
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Vom Fischerstädtchen Marina di Camerota entlang des paradiesischen Küstenstreifens zur Baia degli Infreschi - (c) Susanne Wess

Über den Autor

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Susanne Wess

Susanne Wess ist 1968 in München geboren. Nach langjähriger redaktioneller Tätigkeit beim Fernsehen arbeitet sie seit 1999 als freiberufliche Journalistin und Autorin. Ihre Themenschwerpunkte sind Reisen, insbesondere verbunden mit Berg- und Radsport, Wellness und Lifestyle, sowie Food und Wein. Ihre Leidenschaft für edle Tropfen konnte Susanne  Wess über die Jahre durch ihre frühere Arbeit im Weinhandel, durch zahlreiche Seminare – und natürlich ‘learning by doing’ – stets vertiefen.