Unterwegs in der sardischen Region Gallura

Wandern zwischen bizarren Felsformationen und zauberhaften Ausgrabungsstätten im Nordosten Sardiniens.

Die einzigartige Silhouette des uralten Wächters dieser Küste Sardiniens erkennt man bereits von weitem. Der Wind pfeift so heftig, dass man sich richtig festhalten muss, um nicht zu riskieren weggefegt zu werden. Mit Mühe steht man dann vor den Pfoten des gigantischen windzerzausten Granitfelsen des Capo d’Orso (Bären-Kap) in der Nähe von Palau, um das atemberaubende Panorama auf den Archipel La Maddalena, das offene Meer und die Insel Korsika genießen zu können. Hier hinauf, auf 122 Meter Höhe, kommt man über eine gesicherte Natursteintreppe. Ungefähr 30 Minuten braucht man vom Parkplatz nach oben. Capo d’Orso, das Wahrzeichen und einer der beliebtesten Aussichtspunkte der sardischen Region Gallura, ist aber nur ein Vorgeschmack auf die Wanderung zur Spitze des Monte Moro, die wir vorhaben. Sie haben uns einige Einheimischen empfohlen: „Von dort hat man die beste Aussicht auf die Costa Smeralda und auf die ganze Region Gallura!“ Viel mehr wurde uns nicht verraten, aber das war genug, um unsere Neugier zu wecken.


Ganz oben über der Gallura

Nach einem üppigen Frühstück auf der Terrasse unseres Hotels geht es auf nach Porto Cervo, dem Mikrokosmos der berühmtesten Modedesigner der Welt und des sardischen VIP-Nachtlebens. Nach dem obligatorischen Spaziergang um die Piazzetta fahren wir weiter Richtung Arzachena. Nach einigen Kilometern biegen wir ab nach Santa Teresina/Monte Moro. Von der Straße her hat man als Bezugspunkt die Punta Turrita, einen faszinierenden Gipfel, der wie ein alter Rundturm aussieht. Wir folgen der Straße weiter nach oben, und nach zirka 4 Kilometern geht die Teerstraße in einen unbefestigten Weg über. Ab hier bis nach ganz oben sind es ungefähr noch 6 Kilometer. Man kann das Auto irgendwo am Straßenrand abstellen und den Weg zu Fuß fortsetzen, allerdings ist der Weg kaum beschattet, und es gibt leider nicht viele Parkmöglichkeiten. Ein paar Mountainbiker treffen wir auf ihrem beschwerlichen Weg nach oben – eine anspruchsvolle Leistung: Chapeau!

Oben angekommen, gehen wir die Straße weiter und halten uns an einer Weggabelung links, vorbei an dem eher unspektakulären und nicht unbedingt freundlich wirkenden Telekommunikationsmasten zu der linker Hand gelegenen Elektrostation. Der Wind fegt über die Felsen hinweg und lässt die Masten wimmern. Zwischen den beiden Gebäuden hindurch gelangt man an den Beginn einer relativ steilen Treppe, die bis zum Gipfel führt. Man steigt die 115 Treppen hoch und bekommt eine außergewöhnliche Belohnung: Von hier oben hat man einen überwältigenden 360-Grad-Panoramablick auf die gesamte Küste Nordsardiniens! Zurück an der Weggabelung folgen wir dem anderen kleinen Pfad, der uns am Ende mit einem ebenso fantastischen Blick von der Rückseite der Telekommunikationsstation belohnt. Unten sieht man einige bezaubernde Buchten mit weißem Sandstrand und türkisblau klarem Wasser der Costa Smeralda. Proviant und Wasser haben wir dabei, denn da oben gibt es nichts: ein paar Stücke Pane Guttiau (sardisches Hirtenbrot) sind immer gut zu knabbern – und leicht zu tragen. Das grüne Tal unten ist verlockend, aber für heute sind wir genug gewandert.

Am Swimmingpool des Hotels in Cannigione genießen wir dann den wunderschönen Sonnenuntergang am Golf von Arzachena. Später wird die Sonne von einem perfekt runden Vollmond abgelöst, der uns beim Abendessen im Restaurant „Miraluna“ von der ersten Fischvorspeise bis hin zum Wolfsbarsch des Hauptganges begleiten wird.


Archäologie zu Fuß

Auch der nächste Tag verspricht viel: Ein wolkenloser Himmel mit viel Sonne begrüßt uns am Vormittag. Der starke Nordwind hat ein bisschen nachgelassen, deswegen frühstücken wir heute draußen am Pool, mit Quittenmarmelade und selbst gebackenen Kuchen. Die Gegend von Arzachena ist reich an Ausgrabungsstätten mit Nuraghi – uralten megalithischen Gebäuden aus großen, kaum bearbeiteten Steinen, die auf der Insel zwischen 1800 und 500 v. Chr. errichtet wurden – und an den sogenannten Tombe dei Giganti (Gräber der Riesen), eigentlich Nekropolen aus der Bronzezeit (1800 – 1600 v. Chr.). Um die kleine Stadt Arzachena herum gibt es mehrere von diesen Stätten. In Arzachena angekommen, fahren wir Richtung Süden zur Tomba dei Giganti Coddu Ecchiju. Vom Parkplatz des Infopunktes, in dem sich auch die Kasse für die Besichtigung befindet, erreicht man zu Fuß die Nekropole: Eine einzigartige Stimmung herrscht in der Umgebung und fordert von jedem Ruhe und Besinnung. An solchen Nekropolen (es gibt zirka 700 davon auf der Insel) tanken viele Leute – und nicht nur die Einheimischen – Kraft und Energie. Diese Orte strahlen so viel Energie aus, dass ihnen sogar therapeutische Wirkungen zugeschrieben werden.

In der Nähe der Nekropole (ungefähr 1 Km entfernt) befindet sich der Nuraghe La Prisgiona, der auf die Zeit zwischen 1400 und 1000 v. Chr. zurückgeht. Ihn kann man auf einem Weg durch die mediterrane Macchia und einen kleinen Wald erreichen. Der einfache Weg nach oben nimmt ungefähr eine knappe Stunde in Anspruch und ist von den starken Düften und kräftigen Farben dieser Landschaft geprägt. 

Als wir oben ankommen, neigt sich die Sonne zum Untergang. Die mächtige Anlage ist beeindruckend: Wer weiß, welche wichtige Entscheidungen für das Leben der ehemaligen Gemeinde hier getroffen wurden!

Frau Arianna Mendo, Expertin für Archäoastronomie, die wir bei der Tomba dei Giganti von Li Mizzani, in der Nähe von Palau, am darauf folgenden Tag treffen, erzählt von der Kraft dieser Orte. Sie wurden immer in Richtung Osten und auf bestimmten magnetischen Punkten gebaut. Ihre magnetische Ausstrahlung ist laut der Expertin physisch spürbar und mit einer einfachen Raute leicht zu bemessen. In der Nähe der Ausgrabungen zu verweilen hilft angeblich bei Ischias, gegen Kopfschmerzen und allgemeinen Schmerzen, aber auch um das eigene mentale und emotionale Gleichgewicht wieder zu finden – ein deutsches Paar kommt vorbei und lehnt sich an die Steine: Seit Jahren kommen sie nach Li Mizzani, denn danach fühlen sie sich besser! Ob man daran glaubt oder nicht, spielt eigentlich keine Rolle: Der Zauber dieser Landschaft und ihrer Natur ist einfach unwiderstehlich und stärkt uns in jedem Fall mit neuer Lebensenergie.

Texte und Bilder: Nicoletta De Rossi

Informationen

Anreisen

Am besten direkt mit dem Flugzeug nach Olbia, welche die Hauptstadt der Region Gallura ist, oder mit der Fähre vom italienischen Festland (ab Genua, La Spezia, Livorno, Piombino, Civitavecchia).

Zum Wandern

Die beste Zeit ist im späten Frühling oder Spätsommer/frühen Herbst, denn die Temperaturen sind angenehm. Im Frühjahr ist die Pracht der Farben und der Blüten ein echtes Erlebnis!

Capo d’Orso www.rocciadellorso.it

Um die Reise zu organisieren

FTI Touristik www.fti.de

Oscar Reisen www.oscarreisen.de

Übernachten und einkehren

Villa del Golfo, Relais & Spa - Edle und perfekt gepflegte Anlage in einer wunderschönen Lage an einem Hang in Cannigione am Golf von Arzachena – mit Swimmingpool, Wellness-Center und ausgezeichneter Küche im eigenen Restaurant “Miraluna”. www.hotelvilladelgolfo.com 

Agriturismo La Colti - Wohlschmeckende sardische Küche im rustikalen Ambiente mit spektakulärem Grill, auf dem das typisch sardische Spanferkel gebraten wird. Man isst, was täglich frisch an den Tisch gebracht wird. www.lacolti.it

Zur therapeutischen Wirkung der Nekropolen
Associazione Uomo Natura Energia www.uomoterra.it

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Über den Autor

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Nicoletta De Rossi

In Venedig geboren, arbeitete sie nach ihrem Studium der Fremdsprachen als Redakteurin in Mailand. Seit 2000 lebt sie in Nürnberg, wo sie als freiberufliche Journalistin und Autorin für verschiedene italienische und deutsche Medien tätig ist. Ihre Schwerpunktthemen sind Reisen, Design/Einrichtung, Mode und Food/Gastronomie – mit Fokus auf Italien.