Triathlon nach Dolomitenart

Motorschlitten, Schneeschuhe, Rodel – im Grenzgebiet von Südtirol und Venetien lässt sich das prachtvolle Gebirgsmassiv der Drei Zinnen im Winter auf seine schönste Art erleben - Klaus Pfenning

Skifahren macht Spaß. Sagen die einen. Immer schön mit der Gondel oder dem Sessellift nach oben, runter dann auf perfekt präparierten Pisten mit elegantem Kurzschwung oder schwungvoll gecarved. Von morgens um neun bis zum Liftschluss um vier.

Skifahren ist langweilig. Sagen die anderen. Den ganzen Tag nur rauf und runter. „Jo-Jo-Fahren“ sei das, lästern manche. Vor allem in den Ferienzeiten auf überfüllten Pisten. Und dies auf Schnee, der in Zeiten des Klimawandels immer häufiger aus der Kanone kommt.

An einem strahlend schönen Urlaubstag im Februar entscheiden wir uns für einen winterlichen Genuss der etwas anderen Art. Zusammen mit einem Bergführer wollen wir eine ganz besondere Schneeschuhwanderung am Fuß der berühmten Drei Zinnen unternehmen, dem Wahrzeichen der Dolomiten. Und zum Start erst mit einem Motorschlitten (hinauf) und später einem Rodelschlitten (wieder hinunter) fahren. Unser Bergführer heißt Heini, mit Nachnamen Gütl. Der 66-jährige Südtiroler hat nach eigenen Angaben schon weit mehr als 500mal den Gipfel der 2.999 Meter hohen Großen Zinne bestiegen –so oft wie kein anderer auf diesem Planeten. „Ohne auch nur eine einzige Schramme abbekommen zu haben“, wie der in Sexten lebende Bergfex nebenbei bemerkt. Wenn man sich dem Heini nicht anvertrauen kann, wem sonst? Von Misurina im Süden der Drei Zinnen geht es mit dem Motorschlitten in flotter Fahrt hinauf zur 2.320 Meter hoch gelegenen Auronzo-Hütte. Eisig bläst uns der Fahrtwind um die Ohren, die Kapuzen unserer dicken Jacken sind im Dauereinsatz. Wir sind zwar nur Beifahrer, dennoch macht das Hochgebrumme in der tiefverschneiten Dolomitenlandschaft einen Riesenspaß.

Unesco-Welterbe: Segen und Fluch zugleich
Seit 2009 zählt die Region um Sexten zum Unesco-Weltnaturerbe. Heini Gütl sieht das mit gemischten Gefühlen. „Das ist auf der einen Seite natürlich schön, aber in erster Linie was für’s Marketing.“ Seither kämen noch viel mehr Menschen in unsere Berge – „und machen sie kaputt“, sagt er mit ernster Miene. Tatsächlich besuchten früher Gäste aus Italien und Deutschland die Drei Zinnen. „Heute strömen sie aus der ganzen Welt herbei“, hat Gütl beobachtet. Im Hochsommer drängen sich bei schönem Wetter Menschenmassen rund um die steinernen Giganten. Vor allem im August, dem Hauptferienmonat in Italien, müsste die Gegend streng genommen wegen Überfüllung geschlossen werden. Wundern darf der Andrang nicht. Nach der Schneeschmelze kann man mit dem Auto über eine Mautstraße fast unmittelbar bis zur Auronzo-Hütte fahren. Und dann seinen fahrbaren Untersatz auf einem Großparkplatz abstellen, der dem eines Einkaufszentrums nicht unähnlich ist. Wer es sich als Bergbegeisterter erlauben kann, der bleibt in dieser Zeit besser zu Hause.

Jetzt, im Februar, ist das alles ganz anders. Keine zehn Menschen begegnen wir an diesem Tag. Einige sind wie wir auf Schneeschuhen unterwegs, andere mit Tourenski oder hohen Wanderschuhen mit Ketten unter den Sohlen, des besseren Halts wegen. Allesamt genießen sie die majestätische, stille Berglandschaft. Die Tour entlang der Südwände der Drei Zinnen ist für einen Wanderer recht einfach. Unter dem Strich gilt es nur gut 100 Höhenmeter zu überwinden, und die in mäßigem Auf und Ab. Dafür gestaltet sich der Einstieg gleich nach der Hütte durchaus etwas kitzelig. Steil geht es rechts den Abhang hinunter, mehrere hundert Meter. „Wenn ihr hier stürzt, gibt es kein Halten mehr“, warnt Heini. Mit normalen Wanderschuhen wäre es hier lebensgefährlich. Wir aber vertrauen unseren Schneeschuhen, deren Zacken aus Hartplastik sich mit einem lauten Knirschen in den gefrorenen Schnee beißen. Wer unsicher ist, der lässt sich vom Bergführer lieber ans Seil nehmen.

Sprachgrenze, Verwaltungsgrenze, früher Kriegsgrenze
Nach einer knappen halben Stunde machen wir einen Stop an einer kleinen Kapelle. „Hier wurden früher die tödlich verunglückten Kletterer aufgebahrt“, erzählt unser Bergführer und jagt uns einen kurzen Schauer über den Rücken. Die Zahl der Bergopfer sei in den vergangenen Jahrzehnten aber deutlich zurückgegangen, fügt er hinzu. Fast alle seien heute gut ausgerüstet und wüssten, auf was sie sich an den Drei Zinnen einließen. Außerdem seien heute im Falle eines Falles innerhalb von 15 Minuten die Bergretter mit dem Helikopter da. Kuriosum am Rande: bei Einsätzen auf der Nordseite der Drei Zinnen kommt der Heli aus dem Südtiroler Brixen oder Gröden, auf der italienischen Südseite dagegen aus der Provinzstadt Belluno.

Die Gipfel der Zinnen markieren nicht nur die Sprachgrenze. Im ersten Weltkrieg verlief hier die Front. Drei Jahre lang tobte dort oben, wie auch an den benachbarten Monte Piano und Paternkofel, ein fürchterlicher Stellungskrieg zwischen Südtirolern und Italienern. Ein Krieg, der fast nur Verlierer kannte. Aushungern, erfrieren lassen, Nachschubwege abschneiden oder Lawinen auslösen gehörte auf beiden Seiten genauso zum perfiden Handwerkszeug wie ganze Gipfel und mit ihnen den „Feind“ wegzusprengen. Noch heute ist der Paternkofel mit Gängen und Stollen durchlöchert wie ein Emmentaler Käse. Heini Gütl ist in Sextens Nachbargemeinde Vierschach aufgewachsen, nur einen Steinwurf von der Grenze zum österreichischen Ost-Tirol entfernt. Nicht nur für ihn ist der vor gut hundert Jahren beendete Krieg bis heute noch „a Wahnsinn“.

Nach der Kapelle wird der Weg einfacher. Im Zeitlupentempo ziehen links von uns die Drei Zinnen vorbei. Alle paar Meter schieben sich die nahezu senkrecht, an manchen Stellen sogar überhängenden, bis zu 500 Meter hohen Wände und Türme zu neuen Formationen zusammen. Mal erscheinen sie als schlanke, spitze Minarette wie etwa an der Kleinen Zinne, die Kletterrouten bis Höchstschwierigkeitsgrad 10 bietet. Dann wiederum drängen sich die Dolomitfelsen optisch zusammen zu einer überdimensionalen Kathedrale mit der monumentalen Schönheit einer Notre Dame in Paris. Aus den drei Gipfeln auf der Nordseite werden im Süden plötzlich sieben. Die östlichste Zinne, mit 2.857 Metern die kleinste, hat eigentlich zwei Gipfel, ihre größere Schwester im Westen sogar vier.

Am breiten Paternsattel auf 2.454 Metern Höhe machen wir Rast, staunen hinüber zur Nordseite der Zinnen mit ihren zerrissenen Zacken, Graten und Gipfeln. Wer religiös ist, denkt bei diesem grandiosen Anblick vermutlich an den Schöpfer. Nichtgläubige dagegen sprechen eher von Geomorphologie: die wilde Landschaft ist das Ergebnis all dessen, was Eis, Regen, Wind und Sonne hier mit ihrer Kraft über Jahrmillionen geschaffen haben. Dolomitgestein ist ein naher Verwandter des Kalksteins, wie er etwa an der Zugspitze vorkommt. Sein höherer Gehalt an Magnesium macht ihn etwas härter und vor allem sehr viel spröder – perfekte Bedingungen für bizarre Felsformationen. Dass die Dolomiten einst aus dem Mittelmeer emporgehoben wurden, aus der Gegend des heutigen Nordafrika, macht nur noch staunender.

Nach einer ausgiebigen Rast treten wir in derselben Spur den Rückweg an. Der Schnee oberhalb des Steilhangs ist in der Mittagssonne deutlich weicher geworden und damit einfacher zu begehen. Wieder zurück an der Auronzo-Hütte beginnt Teil drei unseres kleinen Dolomiten-Triathlons. Wir tauschen die Schneeschuhe gegen Rodelschlitten und sausen auf der zugeschneiten Fahrstraße die fünf Kilometer hinunter in Richtung Misurina. Die meisten von uns haben seit ihrer Kindheit nicht mehr einen solchen Ritt unternommen. Bei jedem Bremsversuch mit dem Fuß spritzt eiskalter Schnee ins Gesicht. „Wer bremst, der friert“, witzelt einer. „What a peeling“, kalauert singend ein anderer. Wir fühlen uns wie Schulkinder auf Klassenausflug. Die letzte halbe Stunde bis zum Auto legen wir auf einem schönen Winterwanderweg zu Fuß zurück. Also sogar eine Art Quattroathlon, falls es so etwas gibt.

Zurück im Tal warten erst ein Stück Buchweizentorte auf uns, später dann eine Sauna und ein wunderbares Fünfgangmenue samt passenden Südtiroler Weinen. Ein herrlicher Tag. Durch nichts zu toppen. Auch nicht durch Skifahren.

Weitere Informationen
Anreise
Mit dem Auto: Fahrtstrecke von Heidelberg nach Sexten 567 Kilometer. Anreise über Ulm, Füssen, Fernpass, Brenner, dann auf der Staatsstraße durch das Pustertal. Fahrtzeit ca. 6 ½ Stunden.

Mit dem Zug über München, Innsbruck und den Brenner bis zum Bahnhof Innichen/San Candido, danach weiter mit dem Bus. Fahrtzeit ca. 10 Stunden.

Übernachtung in Sexten
„First Class“: Hotel Monika *****, monika.it
„Business Class“: Hotel Royal ***S, hotel-royal.it
„Economy Class“: Apartmenthaus Barbara, appartements-barbara.com

Anfragen für die beschriebene Tour
Heini Gütl, heini@guetl.org
Die Familie Gütl vermietet darüber hinaus in Sexten eine rustikale Ferienwohnung und zwei Gästezimmer

Kosten
Mindestteilnehmerzahl 3 Personen, Kosten ca. 120 Euro pro Person

Eine Reihe von Hotels wie zum Beispiel das „Royal“ bieten in Zusammenarbeit mit dem Tourismusverein Sexten zudem mehrmals pro Woche kostenlose Schneeschuhtouren an. Zahlreiche weitere Touren hat die Alpinschule Sexten-Drei Zinnen in ihrem Programm. alpinschule-dreizinnen.com

Kulinarischer Tipp
Südtiroler Speck und andere regionale Spezialitäten von der Metzgerei Villgrater mit Geschäften in Sexten und in Sexten-Moos

Weitere Informationen
sexten.it
dreizinnen.it

Motorschlitten, Schneeschuhe, Rodel – im Grenzgebiet von Südtirol und Venetien lässt sich das prachtvolle Gebirgsmassiv der Drei Zinnen im Winter auf seine schönste Art erleben - Klaus Pfenning
Von Misurina im Süden der Drei Zinnen geht es mit dem Motorschlitten in flotter Fahrt hinauf zur 2.320 Meter hoch gelegenen Auronzo-Hütte - (c) Klaus Pfenning
Unser Bergführer heißt Heini, mit Nachnamen Gütl. Der 66-jährige Südtiroler hat nach eigenen Angaben schon weit mehr als 500mal den Gipfel der 2.999 Meter hohen Großen Zinne bestiegen - (c) Klaus Pfenning
Die Tour entlang der Südwände der Drei Zinnen ist für einen Wanderer recht einfach - (c) Klaus Pfenning
Die Gipfel der Zinnen markieren nicht nur die Sprachgrenze. Im ersten Weltkrieg verlief hier die Front - (c) Klaus Pfenning
Im Zeitlupentempo ziehen links von uns die Drei Zinnen vorbei - (c) Klaus Pfenning
Dann tauschen wir die Schneeschuhe gegen Rodelschlitten und sausen auf der zugeschneiten Fahrstraße die fünf Kilometer hinunter in Richtung Misurina - (c) Klaus Pfenning
Ein wunderbarer Tag geht zu Ende. Die Dolomiten laden ein die Natur bei sanftem Tourismus zu entdecken - (c) Jörg Bornmann

Über den Autor

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Klaus Pfenning

Klaus Pfenning fuhr schon mit dem Fahrrad in den Kindergarten und durchstreifte mit seinen Eltern die Berge, vorzugsweise den Odenwald und Tirol. Ein Urlaub ohne Satteltasche oder Rucksack ist für ihn bis heute nur schwer vorstellbar. Als „Very Best Ager“ paart er seine Ausflüge in die Natur mittlerweile am liebsten mit „was G’scheits auf dem Teller und im Glas“.