Marokko - Trekking durch den Hohen Atlas

Auf unserem Trekking wandern wir mal durch grüne Felder... - (c) Christine Kroll

Marokko ist ein Land der Kontraste. Zwischen Atlantik und Mittelmeer, fruchtbaren Ebenen und weiten Wüsten erhebt sich mitten im Land das mächtige Atlasgebirge. Der Hohe Atlas, die höchste Gebirgskette Nordafrikas, zieht sich vom Atlantik im Westen bis nahe an die algerische Grenze. Mit seinen 4.196 Metern ist der Toubkal nicht nur der höchste Gipfel des Gebirges, sondern auch der höchste Berg Marokkos und ganz Nordafrikas.  

Um die Schönheit des Atlasgebirges zu erleben, muss man jedoch keineswegs bis in diese Höhen aufsteigen. Auch in tieferen Regionen offenbart sich eine beeindruckende Landschaft: Rund um die kleine Stadt Bou Tharar durchziehen Schluchten, Flusstäler und kleine Dörfer die Bergwelt – ideal für mehrtägige Trekkingtouren abseits der ausgetretenen Routen.

Unterwegs mit den Amazigh
Wer sich hier auf den Weg macht, reist nicht allein. Begleitet werden wir von einem Team der Amazigh, der ursprünglichen Bevölkerung dieser Region. Der Name Amazigh bedeutet „freie Menschen“ und verweist auf die nomadischen Ursprünge des Volkes. Heute leben die meisten Amazigh sesshaft, doch Kultur, Sprache und Traditionen werden weiterhin gepflegt. Viele Amazigh arbeiten im Trekkingtourismus – als Guides, Muli-Führer oder Köche – und ermöglichen ihren Gästen dabei einen sehr authentischen Einblick in ihre Lebensweise.

Die Vorbereitungen
Unser Trekking beginnt in Bou Tharar, etwa sieben Fahrstunden von Marrakesch oder drei Stunden von Ouarzazate entfernt. Hier endet die asphaltierte Straße – und damit auch das touristisch erschlossene Marokko. Während sich im nahe gelegenen Lehmziegeldorf Aït-Ben-Haddou, einem UNESCO-Weltkulturerbe, die Besucher durch die engen Gassen schieben, erwarten uns auf unserer Route kleinere, ebenso schöne Dörfer, die wir ganz für uns allein haben.

Am Morgen des ersten Tages treffen wir unsere beiden Reiseleiterinnen Hafida und Nadia. In den kommenden vier Tagen begleiten sie uns auf den schönsten Wegen rund um die Agouti-Schlucht. Unterstützt werden sie von Malika, Fatima und Bassou – unseren guten Geistern auf der Tour. Sie kümmern sich um die Mulis, das Gepäck und die Verpflegung und verwöhnen uns von früh bis spät mit köstlichem Essen. Alle fünf stammen aus der Region und gehören den Amazigh an. Neben Tamazight sprechen Hafida und Nadia auch Arabisch, Französisch und sehr gut Englisch; Malika, Fatima und Bassou verständigen sich hauptsächlich auf Tamazight. Dennoch funktioniert die Kommunikation – mit Gesten, Lachen und viel Herzlichkeit.

Bevor wir aufbrechen, werden die Mulis beladen. Abseits jeglicher Infrastruktur muss alles mitgeführt werden, was 14 Personen für vier Tage benötigen: Gepäck (maximal acht Kilogramm pro Person dürfen wir mitnehmen), Trinkwasser, Lebensmittel, Kochutensilien, Geschirr – und natürlich die obligatorische Teekanne. Jeder Muli trägt bis zu 120 Kilogramm, die Tragekörbe sind bis oben gefüllt. Zwar lassen sich unterwegs gelegentlich frische Lebensmittel erwerben, doch verlassen kann man sich darauf nicht. 

Das Trekking
Dann heißt es „yalla, yalla“ – und unsere kleine Karawane setzt sich in Bewegung. Wir folgen dem Flusslauf hinein ins M’Goun-Tal und sind vom ersten Moment an gefangen von der Landschaft. Sattgrüne Felder leuchten vor roten Berghängen, kleine Dörfer tauchen am Wegesrand auf. Die Menschen grüßen freundlich, Kinder laufen uns ein Stück hinterher, in der Hoffnung auf einen Stift oder Süßigkeiten. 

Mit jedem Schritt verändert sich die Szenerie. Die fruchtbaren Täler weichen zunehmend den Bergen, bis wir mittags am zweiten Tag den landschaftlichen Höhepunkt der Tour erreichen: die Agouti-Schlucht. Senkrechte, rot leuchtende Felswände rücken immer näher zusammen, die Schlucht wird immer schmaler. Die Sonne zaubert ein Spiel aus Rot- und Orangetönen auf den Fels, das uns immer wieder innehalten lässt. Nach etwa vier Kilometern öffnet sich das Tal wieder, das Flussbett wird breiter, die Landschaft weiter. 

Am Nachmittag erreichen wir jeweils ein Dorf, in dem wir übernachten. Die meisten bestehen aus nur wenigen Häusern, einer Moschee mit angeschlossener Schule und einer alten Kasbah. Diese Festungen bildeten früher das Zentrum des Dorfes, boten Schutz und dienten Reisenden als Unterkunft. In Amejgag besichtigen wir eine besonders gut erhaltene Kasbah. Mit einem riesigen Schlüssel öffnet uns eine ältere Frau – Nachfahrin der einstigen Bewohner – das schwere Tor. Über enge, steile Treppen steigen wir Etage um Etage hinauf, vorbei an einem kleinen Museum, das vom früheren Leben erzählt. Von der Dachterrasse aus liegt uns schließlich die weite Landschaft zu Füßen. 

Der dritte Tag führt durch eine karge, staubige Bergwelt. Stetig steigen wir bergauf, denn ein etwa 2.000 Meter hoher Pass – der höchste Punkt unserer Tour – liegt vor uns. Dörfer gibt es hier keine. Stattdessen begegnen wir einem Hirten mit hunderten Schafen und Ziegen und später einer Nomadenfamilie, die unter einfachsten Bedingungen in Zelten lebt. Schließlich überqueren wir den schmalen Passpfad – beeindruckend, wie sicher die schwer beladenen Mulis ihren Weg finden. Auf der anderen Seite öffnet sich dann wieder ein weites Tal mit Feldern und Siedlungen.

Am vierten und letzten Tag kehren wir nach Bou Tharar zurück. Die Landschaft wird wieder grüner, wir wandern oberhalb des Flusses vorbei an Feldern, auf denen Menschen arbeiten. Frauen waschen Wäsche im Wasser, Kinder spielen am Ufer. Schließlich bringt uns der Fluss zurück in die Kleinstadt – nach vier abwechslungsreichen Tagen hat uns die Zivilisation wieder.

Unterkunft, Verpflegung und Komfort
Ein Trekking mit den Amazigh bedeutet Verzicht auf Komfort – und genau darin liegt ein Teil seines Reizes. Übernachtet wird in sogenannten “Gîtes d’Étape”, einfachen Unterkünften, die meist einer Familie oder dem Dorf gehören. Geschlafen wird auf Matratzen am Boden, Schlafsäcke bringt man selbst mit. Gewaschen wird sich im Innenhof und manchmal gibt es sogar eine einfache, mit Feuerholz beheizte Dusche.

Herzstück jeder Unterkunft ist die Küche mit angrenzendem Essraum. Hier laufen Malika, Fatima und Bassou zur Hochform auf und zaubern mit einfachsten Mitteln großartige marokkanische Gerichte, wie die traditionelle Tajine, Couscous, die Linsensuppe Harira oder Zaalouk, ein schmackhaftes Auberginengericht. Wir helfen beim Schnippeln, beim Couscous-Waschen oder schauen einfach nur zu. Zu jeder Mahlzeit gibt es frisch gebackenes Fladenbrot, morgens außerdem Eier, süße Teilchen und Obst. Selbst mittags erwartet uns unterwegs ein reichhaltiges Picknick, das auf großen Kissen serviert wird. Und natürlich darf eines nie fehlen: der marokkanische Minztee, der zu jeder Gelegenheit frisch aufgebrüht wird – selbst mitten in den Bergen. 

Über den Autor*Innen

Wanderfreak Autorin Christine Kroll

Christine Kroll

Mit einer Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau und anschließendem Studium der Tourismuswirtschaft hat Christine nach dem Abitur ihr Hobby Reisen zum Beruf gemacht. Seit über 20 Jahren arbeitet sie als Produktmanagerin bei verschiedenen Reiseveranstaltern. In ihrer Freizeit ist Christine am liebsten draußen. Je nach Saison findet man sie zu Fuß, mit dem Mountainbike oder auf (Touren-)Ski in den Bergen. Egal ob in den heimischen Alpen oder auf einer ihrer Reisen in Europa und der Welt, draußen aktiv zu sein gehört für Christine immer dazu.