Durch die Caldera de Taburiente auf La Palma

Im Herz der Insel sorgen die Passatwinde für mildes Klima und machen das Wandern zum reinsten Genuss - (c) Flora Jädicke

Auf die Sonne ist Verlass. Auch an diesem Morgen geht sie auf. Hier im Norden von La Palma ist sie milde. Anders als im Süden und Osten. Wo sie die Wanderwege auf der Routa de los Volcanos binnen Stunden in eine gleißend heiße Wüste verwandeln kann.

Wir haben uns für eine Tour durch das Herz der Insel entschieden, wo die Passatwinde für mildes Klima sorgen und das Wandern der reinste Genuss ist. Wenn es nicht urplötzlich anfängt zu regnen. Denn dann können sich die Bäche in der Caldera de Taburiente auf La Palma in tosende Wasser verwandeln, die binnen Minuten alles mit sich reißen. Es ist also ratsam den Wetterbericht zu lesen. Wir haben heute beste Aussichten. Die Caldera de Taburiente ist ein riesiger halbkreisförmiger Erosionskrater im nördlichen Zentrum der von La Palma, der drittkleinsten Kanareninsel.

Alex ist längst vor uns aus den Federn gekrochen. Wir brechen auf noch bevor die Sonne sich blicken lässt. Und noch bevor die Passatwolken am Mittag den gewaltigen Kraterkessel wohlmöglich vernebeln. Gut eine Stunde fahren wir auf der LP-1 von Los Llanos de Aridane, wo wir die Nacht im Hotel verbracht haben, mit dem Kleinbus nach Los Brecitos. 

Los Llanos de Aridane La Palmas zweitgrößter Stadt. Hier ist Alex, der mit vollem Namen Alexander Sputh heißt zu Hause. Seit mehr als 30 Jahren lebt der gebürtige Kölner und Ex-Gitarrist von Herbert Grönemeyer auf La Palma und zeigt als Wanderführer Naturfreunden die Schönheiten seiner Insel. Inzwischen ist er so etwas wie ein wandelndes Lexikon für La Palmas Insel-Flora und Fauna. Es gibt wohl kaum ein Pflänzchen auf dieser „grünsten aller Kanareninseln“, das er nicht kennt. Sein Favorit sind die gigantischen Natternköpfe. Sie sind so einzigartig für die Insel wie der Lorbeerwald und der Drachenbaum.

„Habt ihr alle genügend Proviant und Wasser dabei“, fragt er fürsorglich. Alle hatten gewarnt. Belesene Bergwanderer und auch der Reiseführer. Die Tour wird kein Spaziergang. Sie führt quer durch einen der größten Senkkrater der Welt. An seinem Kesselgrund ist der Krater fast 500 Meter tief. Seine Steilhänge ragen mehr als 2000 Meter in die Höhe. „Das Terrain ist anspruchsvoll“, erfahren wir und machen uns gefasst auf gute sieben Stunden quer durch den Barranco de las Angustias. Es ist eine der wohl schönsten Landschaften der Insel. Mit sattem Grün, gewaltigen Gesteinsabbrüchen, bizarren Felsformationen und quirlig plätschernden Wasserläufen. An manchen Stellen schimmern sie leuchtend gelb, als habe man einen Topf Farbe hineingegossen.

Von Los Llanos windet sich eine schmale Strasse hinab in den Barranco de Las Angustias, die „Schlucht der Ängste“. Bis heute ist sie nach Südwesten hin offen und der natürliche Abfluss der Caldera, direkt in den Atlantik hinein. 

Auf ihr queren wir die Schlucht und kommen am Hang gegenüber bei „Los Brecitos“ an. Der Mirador (Aussicht) ist Ausgangspunkt für die Wanderung. Gut 17 Kilometer liegen vor uns. Am Ende planen wir einen Abstecher bei Dos Aguas zu den Cascada de Colores. Das ist noch einmal eine dreiviertel Stunde Gehzeit. 45 Minuten, die sich lohnen.

Das schiere Ausmaß dieses Kraters hat uns schon beim Blick auf die Karte beeindruckt. Sein Umfang misst mehr als 28 Kilometern. Quer durch sind es immer noch fast neun Kilometer. Von allen Bergen, die ihn umstellen ist der Roque de los Muchachos der Höchste. Sein Gipfel, der sich hinter einem vorgelagerten Felssporn versteckt, ist gleichzeitig der höchste Berg der Insel, die fast so groß ist, wie Hamburg. Vom Gipfel des Roque de los Muchachos aus hat man einen überwältigenden Blick in den Nationalpark Caldera de Taburiente. Man erahnt den Pico de la Cruz (2351m) und blickt auf den Opferstein Roque Idafe. Bei gutem Wetter erkennt man auch die Nachbarinseln Teneriffa, La Gomera und El Hierro. Der Tag ist klar. Die Aussichten sind gut. Wie gewaltig die Caldera ist, zeigt sich am nordöstlichen Rand. Zusammen mit dem Cumbre Nueva-Rücken bildet er eine Abrisskante, deren riesige Trümmerlawine westlich von La Palma bis 4000 Meter tief in den Atlantik reichen.

1954 wurde der riesige Krater zum Nationalpark erklärt. Wer seine faszinierende Landschaft erkunden will, kann das nur zu Fuß tun. Es führt nur ein Weg durch die Caldera. Der über den Barranco de las Angustias oder oben entlang auf dem Höhenwanderweg La Cumbrecita. „Das ist so aus Sicherheitsgründen“, erklärt Alex auf der Fahrt nach Los Brecitos. „Für Mensch und Natur.“

Auf dem Parkplatz in Los Brecitos angekommen, atmen wir noch einmal tief ein, schnüren unsere Wanderstiefel. Schauen in den Himmel, aus dem die Sterne sich langsam verabschieden und setzten dann Schritt für Schritt einen Fuß vor den anderen. Auf dem Weg durch den Barranco gibt es keine Einkehrmöglichkeiten. Keine touristischen Annehmlichkeiten. Wir werden unsere Kraft einteilen müssen.

Vom Mirador de los Brecitos auf 1080 Metern Seehöhe geht es über einen gut ausgebauten Wanderweg bis zum Rio Taburiente auf 700 Metern. Im Gänsemarsch folgen wir unserem Guide. Erst durch lichten Kiefernwald, der in der frischen Morgenluft seinen harzigen Duft verströmt. Und hin und wieder schlängelt sich der gut ausgeschilderte PR-LP13 auch über kleine Holzbrücken in unzähligen Kehren. Die imposanten Kiefern sind unserem sonst eher wortkargen Wanderführer eine kleine Rede wert. „Kanarische Kiefern sind besonders widerstandsfähig“, erklärt Alex. Sie wachsen hier bis zu einer Höhe auf 2000 Metern und überleben sogar Feuerbrünste mit 400 Grad Celsius. Die halbe Insel ist bedeckt mit üppigem Kiefernwald. Zwischen den kräftigen Bäumen wachsen Hornklee und die Beinwellblättrige Zistrose, Ohrenkakteen und leuchtend gelber und roter Feigenkaktus.

Wir kommen durch kleine Schluchten und queren immer wieder Bachläufe, an deren Rändern Weiden, Zinnkraut und Binsen gedeihen. Eine bizarre und atemberaubende Landschaft, die einem die Ruhe der Insel tief in die Seele senkt. Am Mirador del Lomo de Tagasaste überrascht der Blick auf den Roque Idafe mit seiner ungewöhnlichen Gestalt.

Für Alex erneut Grund ein paar Worte an seine kleine Wandergemeinde zu richten. Die Guanchen verehrten die Felsnadel aus Basalt als Heiligtum und brachten hier ihre Opfer dar. Der Legende nach trägt sie den Himmel. Und wenn sie umstürzt geschieht großes Unglück. Als wir den Roque Idafe passieren, steht er felsenfest. Alles gut! Dahinter erahnt man den Pico Bejenado. Der Himmel über uns wetteifert mit dem Blau des Atlantiks, hinter den steilen Felswänden der Caldera und verspricht bestes Wetter. Von den Passatwolken, so scheint es, bleiben wir an diesem Tag verschont.

Ob der Barranco de las Angustias passierbar ist, hängt ganz von der Witterung ab. Nach plötzlich auftretenden Regenfällen kann sich der Rio Taburiente in Minuten in einen reißenden Fluss verwandeln. Dann macht die „Schlucht der Ängste“ wie der Barranco de las Angustias übersetzt heißt, ihrem Namen alle Ehre. Wir haben uns den Wetterbericht am Tag zuvor deshalb sehr genau angesehen. Am Rio de Taburiente queren wir den Bach und machen eine erste Fotopause zwischen den 2000er Gipfeln des Caldera-Randes.

Das erste „Hola“ hören wir, als wir nach einem kurzen Anstieg an der Zona de Acampada ankommen und die Playa de Taburiente erreichen. Waldarbeiter haben am Besucherzentrum, das auch die Rezeption für den einzigen Campingplatz im Nationalpark ist, nach dem Rechten gesehen. Ein letzter Gang auf die Toilette und ein Schluck Wasser. Dann beginnen wir den Abstieg die steile Schlucht des Almendro Amargo Baches. Den Roque Idafe immer im Blick. Noch immer folgen wir Alex im Gänsemarsch. Aber auch die gelb-weiße Markierung würde uns den Wanderweg zum Barranco de las Angustias weisen. Am Zufluss des Rio Rivanceras oder Limonero-Baches erwartet uns das nächste Naturschauspiel. Wie aus einem Höllenschlund ergießt sich ein leuchtend gelbes Rinnsal durch das breite trockene, von Geröll und Fels belagerte Flussbett. Das Limonit-Gestein des Baches ist so eisenhydrathaltig, dass es gelb schillert. „Sein Wasser ist vollkommen klar“, erklärt Alex, während wir wie Bachstelzen von Stein zu Stein über den Bach tippeln. Rund um den gelb leuchtenden Fluss schimmern die Felswände in allen Gelb- und Okkatönen mit grünen Akzenten aus Moos. Auf ihren Kanten recken sich Kanarenkiefern in die Höhe.

Am Fluss entlang gelangen wir zur Cascada de Colores. Endlich eine Abkühlung! Denn auf die Sonne ist Verlass. Sie hat sich über der Caldera eingerichtet und die Passatwolken, die gelegentlich mittags die Sicht im Kraterkessel trüben können, weit draußen auf dem Atlantik gelassen. Gerd, einer unserer Weggefährten nutzt die Gelegenheit für ein knackiges Bad unter dem „Wasserfall der Farben“. Wir haben uns die Pause verdient. Die letzten Meter zur Cascada de Colores führten durch eng stehende Felswände und das rutschige Bachbett.

Etwas weiter bachabwärts bei Dos Aguas (Zwei Wasser), gesellt sich der Rio Taburiente wieder zu uns. Der Bach ist hier gut vier Meter breit. Der größte Teil seines Wassers aber werde durch ein Kanalsystem ins Valle Aridane geleitet, wo es zur Bewässerung der Bananen dient, erklärt Alex.

Langsam wird der Rio Taburiente schmaler, bis er kaum noch einen Meter breit dahinplätschert. Bis das Flussbett am Ende breit und trocken vor uns liegt. Mal auf der einen, mal auf der anderen Seite nähern wir uns dem Ende der Tour. Die Sonne steht tiefer und inszeniert diese gewaltige Naturarena in einem neuen atemberaubenden Licht. Wie dicke Schildkröten-Panzer erscheinen Kissenlava Formationen am Wegrand. Sie stammen aus der Zeit, als die Insel sich im Meer durch zahllose Vulkanausbrüche bildete. „Vor vier Millionen Jahren, lange bevor La Palma durch Erdbeben an der Meeresoberfläche erschien“, erklärt Alex ein letztes Mal bevor die Caldera de Taburiente am Ausgang des Barranco de las Angustias verlassen. Am Abend bringt er seine Gitarre mit. Und ja, auch auf die Sonne ist Verlass. Auch an diesem Tag versinkt sie langsam und blutrot vor schwarzem Lavasand an der Playa de Tazacorte im Atlantik.

Weitere Informationen zu La Palma
La Palma, das eigentlich vollständig San Miguel de La Palma heißt,  liegt westlich von Nordafrika. „La Isla Bonita“, wie die Palmeros sie auch nennen, liegt etwa 450 Kilometer vor der marokkanischen Küste im Atlantik und gut 1400 Kilometer entfernt vom europäischen Festland. Mit ihren rund 726 Quadratkilometern Fläche gehört sie zu den drei kleinen der sieben Kanarischen Inseln.

Charakteristisch für La Palma sind der vulkanische Ursprung die steilen Berghänge und üppige Vegetation. Der Roque de los Muchachos ist mit seinen 2426 Metern der höchste Punkt der Insel. Im Norden und Westen ist die Insel grün und fruchtbar. Im Süden und Osten prägen Vulkanberge und schwarze Sandstrände das Landschaftsbild der Cumbre Nueva und der Cumbre Vieja. In der Mitte der Insel senkt sich einer der weltweit größten Erosionskrater fast kreisförmig tief in die Landschaft. Seit 1954 ist die Caldera de Taburiente Nationalpark und zudem einer der wichtigsten Spaniens. La Palma hat neben der Hauptstadt Santa Cruz de La Palma an der Ostküste 14 weitere Gemeinden.1983 wurde der dichte Lorbeerwald von Los Tilos zum UNESCO Biosphärengebiet erklärt.

Wandern
Die hier beschriebene Route führt über PR-LP13 durch den Nationalpark Caldera de Taburiente. Die Wanderwege auf La Palma sind mit Farbmarkierungen gut ausgeschildert. 

Fernwanderwege: G.R. (sendero de gran recorrido, rot-weiß) bezeichnet einen Weg, auf dem man länger als einen Tag unterwegs ist. 

Tagestouren: P.R. (sendero de pequeño recorrido, gelb-weiß ) kennzeichnet Wege, die sich an einem Tag zurücklegen lassen.

Kurze lokale Wanderwege: S.L. (sendero local, grün-weiß) wenige Kilometer in einer Gemeinde. An markanten Stellen und Kreuzungen weisen Wegweiser mit der Wegenummer die Richtung. 

Ins Gepäck gehören unbedingt feste, knöchelhohe Wanderschuhe, wetterfeste Kleidung und Sonnenschutz.

Anreise
Neben Condor bieten auch easyJet, Germania und Eurowings Direktflüge von verschiedenen deutschen Flughäfen an. 

Iberia fliegt zum Beispiel ab München mehrmals in der Woche über Madrid nach Santa Cruz de la Palma. Von kommt man mit dem Mietwagen an die Westküste nach Los Llanos. Je nach Ausgangsort sollte man 6 bis 8 Stunden Reisezeit einplanen. 

Beste Reisezeit
Januar bis Dezember, besonders der Frühsommer
La Palma eignet sich das ganze Jahr über für einen Wanderurlaub. Von Juli bis September kann es recht heiß werden. Von März bis Juni regnet es kaum.

Übernachtung
Entlang der beiden Fernwanderwege GR130 und GR131 gibt es Übernachtungsmöglichkeiten für Wanderer. In der Region gibt es Quartiere für jeden Geldbeutel. Vom einfachen Campingplatz in der Caldera (nur mit Genehmigung 24 Stunden vorher online unter https://www.reservasparquesnacionales.es, über Ferienwohnungen bis zum 5-Sterne Hotel.

 

Übernachtungstipps der Autorin

3-Sterne Hotel: Die Hacienda San Jorge in Los Cancajos liegt nur fünf Autominuten vom Hafen in Santa Cruz de La Palma entfernt. Bis zum Flughafen sind es zehn Minuten.  https://www.hsanjorge.com/de/home.html

Schönes 3-Sterne Hotel in Los Llanos de Aridane /El Paso. http://lapalmajardin.com 

5-Sterne Hotel: Die Hacienda de Abajo in Tazakorte ist ein stilvolles Hotel für anspruchsvolle Gäste. http://www.hotelhaciendadeabajo.com/language/de

Günstiges Appartement Hotel mit Pools: El Cerrito http://www.elcerrito.es/

Essen und Trinken
In Los Llanos de Aridane gibt es zahlreiche Geschäfte und auch Supermärkte, in denen man sich mit Proviant eindecken kann. Auf dem Weg durch die Caldera de Taburiente gibt es KEINE Einkehrmöglichkeiten. 

Urig und empfehlenswert: das Restaurant La Luna. Calle Fernández Taño, 26, 38760 Los Llanos, La Palma, Canarias, España, GEO: 28.6592659,-17.9134015,17

Wanderkarten
Kompass WK 232, La Palma. Deutsch, spanisch englisch-sprachige Wanderkarte, auch mit Bike-Routen; 3 in 1, Maßstab 1:50 000 wetterfest, 1. Auflage 2018, mit Aktiv Guide und Stadtplänen, deutsche Beschreibung einer Tour durch die Caldera de Taburiente, Seite 14-15, ISBN 978-3-99044-483-2, 11,99 Euro.

Freytag & Berendt WKE 2, La Palma Wander- und Freizeitkarte, Tourguide deutsch, englisch, französisch, spanisch, GPS tauglich, auch mit Bikerouten, Caldera Blatt 1, erschienen 2017, Maßstab 1: 30 000 ISBN 978-3-70790-346-1, 9,90 Euro.

ADAC Wanderführer, La Palma Wanderkarten im Detailmaßstab. Detailkarte mit Tourenprofil, für Touren durch die Caldera de Taburiente Tour 14 und 16, Seite 70 und 71 sowie Seite 76 und 77. ISBN 978-3-89905-45-1, erschienen 2010

Infos
www.visitlapalma.es/de und vor Ort am Flughafen von La Palma Gemeinde: Villa de Mazo, Flughafen-Terminal Ankünfte E-mail: gestion@visitlapalma.esTelefon: (+34) 922 967 044  spanisches Fremdenverkehrsamt: https://www.spain.info/de

Über den Autor*Innen

Flora Jädicke

Flora Jädicke

Flora Jädicke ist aufgewachsen im Ruhrgebiet unweit der niederländischen Grenze. Dort studierte sie Germanistik und Philosophie. Ihre ersten journalistischen Gehversuche machte sie bei der WAZ im Ruhrpott, später bei N24 in der Parlamentsredaktion in Berlin. In Berlin erlebte sie hautnah die Grenzöffnung. Nach zehn Jahren zog es sie von Berlin in die bayerische Provinz und von dort hinaus in die Welt. Dort fühlt sie sich zuhause. Den Journalismus lernte sie bei der - damals - Zeitenspiegel Reportage Schule Günter Dahl in Reutlingen und in den Redaktionen von Tageszeitungen.