Ritten: Auf der Freud-Promenade zur Sommerfrisch

 Ritten: Auf der Freud-Promenade zur Sommerfrisch, Genusswandern rund um Oberbozen und Klobenstein - (c) Armin Herb

Im Talkessel von Bozen kann es im Sommer ganz schön heiß und dampfig werden. Dann ergreifen nicht wenige Einwohner die Flucht nach oben in die kühleren Berge. Das war schon im 16. Jh. so, als reiche Bozner Familien mit dem ganzen Hausstand in die „Sommerfrisch‘“ hinauf zum Ritten nach Klobenstein und Oberbozen zogen. Traditionell blieben sie dort 72 Tage, von Peter und Paul am 29. Juni bis Maria Geburt am 8. September. Dort oben quartierten die Familien sich bei Bergbauern ein oder ließen sich gleich eigene Villen bauen. Die Bozener genossen die schöne Natur und vergnügten sich bei Theateraufführungen, Familienfesten oder beim Schützenverein. Man musizierte, las Bücher, spazierte und pflegte Geselligkeit – eher sanfte Muße statt sportlicher Aktivität.

Heute ist das etwas anders. Heute kommen auch viele Wanderer und einige Mountainbiker zum Ritten. Immerhin gibt es tausend Höhenmeter oberhalb von Bozen sehr gut ausgeschilderte 270 km Wanderwege: 140 km werden vom Tourismusverein gepflegt, 130 km vom Alpenverein Südtirol. Das weite Netz der Wanderwege reicht von den steilen Weinbergen bei Bozen über blühende Wiesen und Wälder bis hinauf zu alpinen Bergweiden mit einer Vielfalt an Alpenblumen und Almen auf über 2000 m Meereshöhe bis zum Gipfel des Rittner Horns (2260 m). Sogar ein ausgesprochenes Wanderhotel gibt es dort in Oberbozen, das ist selbst ohne Auto recht gut zu erreichen. Es liegt nur 150 Meter von der Bergstation der Rittner Seilbahn entfernt. Und die beginnt quasi mitten in Bozen unweit von Bahnhof und Walterplatz und fährt alle paar Minuten in knapp einer Viertelstunde hinauf nach Oberbozen. 

„Macht doch zum Eingewöhnen eine Schnuppertour,“ animiert Ralf Unterhofer, Chef im Wanderhotel Regina, seine neu angekommenen Gäste. Seine Empfehlung lautet Sommerfrischweg. Dieser führt vom Ortskern in Oberbozen zu den historischen Sommerfrischhäusern im Weiler Maria Himmelfahrt. Gleich vier historische Kirchen säumen diese rund sechs Kilometer lange Wanderrunde. Die bekannteste ist die namensgebende Pfarrkirche Maria Himmelfahrt aus dem 17. Jh. mit einigen Werken bedeutender Künstler der damaligen Zeit. Die kurze Tour ist ein Vorgeschmack auf die spannende Kultur- und Naturlandschaft des Ritten-Plateaus. Dichte Wälder, parkähnliche Anlagen und weite Bergwiesen verbinden sich mit altehrwürdigen Bauernhöfen, herrschaftlichen Sommerfrischhäusern und Gasthöfen zu einem landschaftlichen und kulturellen Mosaik. Das optische Bonbon obendrauf: Immer wieder zeigen sich am Horizont die gewaltigen Felsmassive von Schlern, Rosengarten und Latemar – ein Panorama wie eine Fototapete.

Das Ritten-Plateau ist nicht unbedingt ein Tipp für Bergfexe. Statt alpinem Bergsteigen steht hier vielmehr Genusswandern im Mittelpunkt. Das gilt auch für die Freud-Promenade. Ein sanfter Wald- und Wiesenwanderweg, benannt nach dem Wiener Arzt und Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud. Entlang des rund fünf Kilometer langen Weges laden 13 Sitzbänke zur Pause ein, die jeweils mit Zitaten aus Freuds Schriften versehen sind. Anscheinend verbrachte der berühmte Psychoanalytiker sehr erholsame Tage im Bergdorf Klobenstein und teilte das auch seinen Kollegen in langen Briefen mit.

Die Freud-Promenade dient auch als Aufwärmstrecke für eine weite Ritten-Runde. Oder man startet von Oberbozen bis Klobenstein erst mal mit der Rittenbahn – eine Schmalspurbahn, deren frühere, historische Waggons sich in Oberbozen in einer Halle bewundern lassen. Am Bahnhof Klobenstein wundern sich so manche Wandersleute über die Bronze-Ziege am Vorplatz, ein Kunstwerk von Franz Messner. Was will er uns damit sagen? Von Klobenstein geht es auf guten, gesicherten Wegen zum Dorf Lengmoos und weiter zu einem besonderen Naturjuwel am Ritten: den großen Erdpyramiden im Finsterbachgraben. Die kleinen Erdpyramiden befinden sich übrigens bei St. Jakob unterhalb von Oberbozen. So manch Einheimischer kann einem die Entstehung der Erdpyramiden erklären: Wird bei der Erosion des Moränenlehms ein großer Stein freigelegt, bildet dieser quasi ein Dach über der darunter liegenden Erde. Der ungeschützte Lehm rundum wird abgetragen, wodurch sich turmartige Gebilde entwickeln. Mit der Zeit verliert die Pyramide ihren schützenden Stein und erodiert komplett. Zeitgleich entstehen in den angrenzenden Hangbereichen wieder neue Pyramiden. Eine Legende erklärt die Erdpyramiden aber ganz anders: Einst tanzten hier nachts die Rittner Hexen. Ein junger Abenteurer lenkte sie wohl dabei ab, so dass sie den Sonnenaufgang vergaßen und zu Erdfiguren erstarrten – zu den Erdpyramiden.

Vom Finsterbachgraben windet sich der Wanderweg hinauf zur kleinen Wallfahrtskirche Maria Saal aus dem 17. Jh. Ein Blick hinein lohnt sich vor allem wegen der „Madonna unterm Regenschirm“. Das nicht alltägliche Deckengemälde eines Brixner Künstlers orientiert sich an einem uralten Mariengebet, das mit den Worten beginnt: „Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, o heilige Gottesgebärerin …“ Hinter Maria Saal bäumt sich der Wanderweg deutlich steiler auf. Durch schattigen Nadelwald, vorbei an schön gepflegten Bergwiesen geht’s nach Bad Siess. Dahinter verbirgt sich kein Thermalkurort, sondern ein historisches Berggasthaus mit Heilquelle. Durch den geringen Gehalt an Mineralsalzen hat man beim Trinken des Quellwassers den Eindruck, es sei „dünnflüssig“ und süßlich. Daher auch der Name Bad Siess. Wer sich selbst von der stimulierenden Wirkung des Bergwassers überzeugen möchte, sollte gleich im Anschluss auf dem Kneippweg ein erfrischendes Fußbad nehmen.

Nächster Punkt auf der großen Runde ist Tann. Eine idyllische Waldlichtung, ein Kraftort und ein Vier-Sterne-Hotel mit Aussicht. Und höchster Punkt der Wanderrunde mit 1488 Meter. Wer nicht unbedingt edel Kaffee trinken möchte, wandert weiter. Nun wieder bergab durch den Gunglwald Richtung Riggermoos und zum Moserhof. In der traditionellen Hofschänke wird neben leckeren Kuchen auch Herzhaftes wie Schlutzkrapfen, Knödel und Speck serviert. Auch ein Achtel Südtiroler Roten aus den nahen Weinbergen kann man sich munden lassen. 

Wer an den Viehweiden genau hinschaut, wird hier und da noch einige Speltenzäune entdecken – eine uralte Konstruktion aus Lärchen- und Kastanienbretten, zusammengehalten nicht von Nägeln und Draht, sondern „zusammengeflochten“ mit dünnen Fichtenästen.

Vorbei an der kleinen, restaurierten Lobismühle und dem Bilderbuch-Anwesen des Lobishofes nähert sich die große Ritten-Runde langsam dem Ende zu. Auf Kinder warten auf dem Wald-Wild-Wunderweg noch riesige, bunte Figuren von Waldtieren mit erklärender Infotafel. Es grüßen Sissi, das Eichhörnchen, Walter, der Buntspecht, Fiona, die Füchsin und einige andere bekannte Waldbewohner.

Nach 17 Kilometern und rund 700 Höhenmetern endet unsere große Ritten-Runde am kleinen Bahnhof in Oberbozen. Und zur Belohnung gibt es einen Kaffee und Buchweizentorte im Café Fink gleich nebenan.

Noch ein Tipp zum Schluss: Wer unterwegs beim Wandern gerne einkehrt, sollte sich zuvor über die Ruhetage der Berggasthäuser und Hofcafes informieren. 

Gut zu wissen
Allgemeine Infos: www.ritten.com; www.suedtirol.info; www.bolzano-bozen.it
Wander-Unterkünfte: Wanderhotel Regina in Oberbozen, www.hotel-regina.it/de; www.wanderhotels.com
Landkarte: Wanderkarte Ritten/Renon 1:25.000 erhältlich beim Tourismusbüro
Literatur: Rother Wanderführer „Bozen – Kaltern“ von Gerhard Hirtlreiter und Eugen E. Hüsler, 53 Touren, 192 Seiten.

Über den Autor*Innen

Armin Herb

Armin Herb

Seit Kindheitstagen sitzt der studierte Geograf auf dem Fahrrad und erkundet die Landschaft in Nah und Fern. Allerdings ist er auch gerne zu Fuß unterwegs, insbesondere in den Alpen und im Schwarzwald. Er publizierte rund zwanzig Bücher zum Thema Radfahren und Mountainbiken und schreibt bis heute Beiträge über Reisen, Radfahren, Wandern und Wintersport für Tageszeitungen, Online-Portale und Fachmagazine.