Sie stand immer schon etwas im Schatten der berühmten Nachbarin Sella Ronda. Zu Unrecht, denn die Gebirgsjägerrunde ist eine spektakuläre Rundtour auf Skiern durch die Dolomiten mit einigen berühmten Schönheiten unterwegs von der Marmolada über Civetta und Cinque Torri bis zum Lagazuoi mit einer der schönsten Abfahrten Südtirols zum Grande Finale. Inklusive einer kleinen Überraschung. Keine Frage, eine Tour für Ästheten.
Der Campolongo Pass auf 1875 Metern oberhalb von Corvara ist im Vergleich zu seinen Nachbarn Pordoi und Sella recht unscheinbar. Aber er ist ein idealer Startort für unsere Runde. Es gibt Parkplätze, eine schöne Aussicht und eine herrliche lange Abfahrt hinunter nach Arabba. Wir haben uns heute die Gebirgsjägerrunde vorgenommen, die über Arabba an der Marmolada entlang bis Malga Ciapela verläuft. Nach einem Intermezzo mit dem Skibus queren wir die Civetta, diesen monumentalen Skiberg, der zusammen mit dem Monte Pelmo wie eine gigantische Statue in der Landschaft steht. Danach folgen mit Cinque Torri und Lagazuoi weitere legendäre Dolomiten Schönheiten, bis es zurück nach Alta Badia und Campolongo geht. Ein Bilderbuchstart auf herrlichen Südhängen mit jeder Menge Sonne und Panorama.
Arabba ist ein enges Bergdorf unterhalb des Pordoi-Passes, liegt an diesem Vormittag noch im Schatten des mächtigen Massivs der Porta Vescovo, wird aber wegen seiner zentralen Lage von vielen Skifahrern frequentiert. In der Seilbahn hinauf zur Porta Vescovo fühlt man sich ein wenig wie in einer Rush Hour, was aber bald verfliegt, wenn die Gondel fast lautlos bis auf über 2500 Meter Höhe schwebt. Der Ausblick oben bei der Bergstation ist atemberaubend, zumal die Szenerie auch allerhand berühmte Gipfel einschließt. Das ist typisch für die Kaiserjägerrunde, bei der man mit Lift, Piste und zwischendurch mit Skibus zu grandiosen Schönheiten der Dolomiten schaukelt. Ideal zum Cruisen ist dann die sieben Kilometer lange Abfahrt an der Nordseite der Marmolada Richtung Malga Ciapela, der Talstation des Skigebiets an der Marmolada. Der Skibus bringt uns über Sottoguda, einem schattigen Bergdorf, das für seine zahlreichen Kunstschmiede bekannt ist, Richtung Civetta.
Unser nächstes Ziel ist Alleghe zu Füßen des Civetta-Skigebiets. Die leeren breiten Pisten und das grandiose Panorama mit den breiten Felswänden der Civetta lassen die Busfahrt schnell vergessen. Wir sind nun in der Provinz Belluno und der Unterschied zwischen Südtirol und Veneto artikuliert sich nicht nur in der schlichteren, weit weniger rustikalen Architektur sondern auch in den deutlich älteren Liftanlagen. Aber das ist bald egal, denn das Panorama mit dem 3168 Meter hohen Monte Pelmo fasziniert einfach, dass man sich schwer tut, die Tour fortzusetzen. Aber es warten ja noch andere alpine Celebrities. Eine gemütliche Abfahrt hinunter nach Pescul und dann mit dem Skibus Richtung Norden zum Passo Giau. Rennradler verehren die Strecke, die immer wieder ein Highlight beim Giro d`Italia ist. Nach der Seilbahnfahrt landen wir bei der berühmten Averau Hütte auf 2413 Metern Höhe. Die Hütte ist bekannt für gute regionale Küche wie zum Beispiel die Tirtlan mit Rotkohl oder Wildschweinhaxen mit Polenta und auch entsprechend frequentiert. Rechts baut sich das Averau Felsmassiv auf. Vor uns die Skulpturenlandschaft der Cinque Torri. Wenn dann noch die Nachmittagssonne die Szenerie in ein warmes, kraftvolles Licht taucht inklusive Enrosadira, der bekannten Nachmittagsröte der westseitigen Felswände, dann wird es fast unerträglich romantisch. Und so geht es auch weiter bei der Abfahrt Richtung Falzarego Pass. Eine Landschaft wie ein gigantisches Kunstwerk. Vor uns der Lagazuoi, rechts baut sich die Tofana auf, Hausberg von Cortina d’Ampezzo.
Unten am Falzarego wechseln wir auf die andere Straßenseite und nehmen die Seilbahn auf den Lagazuoi. Oben sollte man sich Zeit nehmen für einen Abstecher links zum Rifugio auf dem 2778 Meter hohen Kleinen Lagazuoi. Dort oben auf der Terrasse wartet das wahrscheinlich spektakulärste Dolomitenpanorama. Wer sich nicht satt sehen kann, es gibt hier oben auch Übernachtungsmöglichkeiten. Im Sommer zieht es viele Wanderer zu den Spuren der Geschichte an diesem Berg, der vom Ersten Weltkrieg her durchlöchert ist mit Stollen und alten Stellungen. Auf der Rückseite des Lagazuoi kommt eine knapp neun Kilometer lange Piste, eine der längsten und schönsten Abfahrten in den Dolomiten, die gerade wegen ihrer abseitigen Lage nicht überlaufen ist. Auf den ersten Hängen blicken wir hinüber zu den im Sonnenlicht leuchtenden Felswänden des Conturines-Massivs, wo sich auf gut 2800 Metern Höhe eine legendäre Höhle befindet, in der vor 35 Jahren Überreste eines prähistorischen Höhlenbärs gefunden wurden. Die Sonne ist längst hinter dem Lagazuoi verschwunden, und die Abfahrt schlängelt sich im Schatten durch das enge Tal. Unterwegs öffnet sich rechts der Blick hinein Richtung Fanesalm, leuchten ganz links die Schneehänge unter dem Grödner Joch direkt neben dem Sella-Massiv. Ein ungewöhnliches Arrangement von Dolomiten-Berühmtheiten begleitet die letzten Schwünge und ein paar flache Meter bis zur Scotoni-Hütte. Eine Institution seit vielen Jahren ist diese urgemütliche rustikale Hütte auf knapp 2000 Metern Höhe. Drinnen brutzelt es am Grill, dafür ist die Scotoni bekannt, sitzt man umgeben von schweren Holzbalken. Ob man nun eine der Grillspezialitäten goutieren will oder nur einen Espresso, ein Stopp ist hier fast Pflicht.
Danach folgt ein flaches Stück Richtung Alta Badia bis zu der Stelle, wo ein Bauer mit seinen Haflingern wartet und die Skifahrer und Snowboarder am Seil auf gut 1,5 Kilometern bis zur Straße bei Armentarola zieht. Der wahrscheinlich umweltfreundlichste Skilift in den Dolomiten. Dort geht es dann auf der anderen Straßenseite weiter hinauf nach Pralongia und auf einer schönen Piste hinunter zurück zum Campolongo. Insgesamt eine echte Traumtour, bei der man überlegen sollte, ob man sie nicht besser auf zwei Tage aufteilt und unterwegs übernachtet.
Weitere Informationen
Start/Ziel: Campolongo Pass zwischen Corvara und Arabba
Länge: 80 km, davon 31 km Piste
Dauer: 6 bis 8 Stunden
www.dolomitisuperski.com
Über den Autor*Innen
Georg Weindl
Es hat schon sein Gutes, wenn man mitten in seinem Arbeitsgebiet lebt. Georg Weindl wohnt in Oberbayern und Österreich, schreibt Reisereportagen und Bücher, die sich überwiegend in den Alpen, Süddeutschland und in Italien abspielen und in zahlreichen deutschen und österreichischen Tageszeitungen und Magazinen veröffentlicht wurden und werden. Das tut er seit mehr als 30 Jahren.