Bunter Sandstein, roter Wein

Blick auf Klingenberg vom fränkischen Rotweinwanderweg - (c) Klaus Pfenning

Weinwanderwege gibt es so viele wie Trauben am Rebstock. Rotweinwanderwege dagegen sind eher selten. Der längste von ihnen führt über gut 70 Kilometer entlang des Untermains im westlichsten Zipfel Frankens.

Wer an ein typisches Getränk aus Franken denkt, der denkt vermutlich an Bier. Gutes Bier. Und wenn schon an Wein, dann an einen weißen. Silvaner beispielsweise. Dass am Untermain, in der Region zwischen Miltenberg und Aschaffenburg, auch sehr viel Rotwein wächst, wissen meist nur Einheimische und Weinexperten. Touristisch vermarktet wird der 40 Kilometer lange Streifen unter dem Namen „Churfranken“. Dabei handelt es sich um einen Kunstbegriff, schließlich hat es in der Geschichte ein Churfranken nie gegeben. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts gehörten die 25 Gemeinden entlang des Flusses, eingebettet zwischen Odenwald und Spessart, zum Kurfürstentum Mainz. An dieser Vorlage haben sich die örtlichen Touristiker bedient.

Geologisch herrscht hier der Buntsandstein vor, entstanden vor gut 40 Millionen Jahren. Tagsüber speichert er die Sonnenwärme und gibt sie nachts wie ein Kachelofen an die Reben wieder ab. „Gerade Burgundersorten lieben dieses Wechselspiel“, weiß auch Verena Waigand, Winzerin in Erlenbach. Kein Wunder also, dass Weiß-, Grau-, Früh- und vor allem Spätburgunder die Leitsorten dieser kleinen Weinbauregion sind. Im westlichen Teil bei Aschaffenburg bringen sie gute, im östlichen bei Miltenberg und Bürgstadt sogar herausragende Qualitäten hervor.

Auf die Idee zu einem Fränkischen Rotweinwanderweg kam allerdings kein Franke, sondern ein gebürtiger Pfälzer: Willi Stritzinger, den es schon vor Jahrzehnten aus der Gegend um Landau von Berufs wegen nach Klingenberg verschlagen hatte. „Die Ausschilderung des Wegs sollte so sein, dass man ihn auch nach drei Schoppen noch findet“, schmunzelt der heute 80-Jährige. Außerdem mussten sich die Gaststätten am Wegesrand dazu verpflichten, einheimischen Wein ausschenken. Und nicht etwa aus der Pfalz oder von der Mosel, wie das früher auch am Main häufig der Fall war. Seit 1990, also seit genau 30 Jahren, weist ein stilisiertes Rotweinglas als Wegmarkierung die Strecke entlang von 200 Hektar Weinbergen. Die gut 70 Kilometer lassen sich in sechs Etappen mit nicht allzu großen Höhenunterschieden bequem erwandern.

Los geht es in Großwallstadt, dem vielleicht bekanntesten deutschen Handballerdorf. Neben Kreisläufern und Rückraumspielern gibt es hier auch 12 Hektar Weinberge. Das Tal ist hier recht breit, die Rebanlagen liegen hier oft weit auseinander. Klaus Giegerich, einer der besten seiner Zunft in der Region, baut hier unter anderem Frühburgunder an. Im Land des Spätburgunders ist diese recht früh reifende Traube eher eine Rarität. „Und eine Diva dazu, die keine Fehler verzeiht“, so Giegerich. Immer wieder führt der Rotweinwanderweg hinaus aus den Reben und hinein in schattige Wälder oder durch Mais- und Getreidefelder. Monokulturen wie etwa in der Pfalz gibt es hier nicht.

Von Großwallstadt aus dreht der Rotweinwanderweg erst einmal eine Schleife nach Nordwesten in Richtung Großostheim. Dort bietet die Weinlage Harstall bei gutem Wetter einen phänomenalen Blick auf Odenwald, Spessart, Taunus und der vorgelagerten Skyline von Frankfurt. Viele Weinberge sind geschmückt mit kleinen Häuschen, von denen sich das ein oder andere in ein hübsches Wochenenddomizil verwandelt hat.

Bei gut der Hälfte der Strecke, zwischen Erlenbach und Klingenberg, wird das Maintal enger und die Weinberge steiler. Dieser Abschnitt hoch über dem Fluss ist zweifellos der schönste der Mehrtagestour. 60 Kilometer Trockenmauern stützen hier die steilen Hänge, immer wieder muss eine von ihnen ausgebessert werden. Willi Stritzingers Tochter Anja bewirtschaftet hier mehrere Hektar in schweißtreibender Handarbeit und noch biologisch dazu. Die Arbeit hier in dieser steilen Südlage ist mühsam, der Einsatz größerer Maschinen unmöglich. Bis zu 1.500 Arbeitsstunden pro Jahr stecken in einem Hektar Steillage, ein Mehrfaches wie in einem nur leicht geneigten Hang.

Die Giegerichs, Waigands und Stritzingers sind typisch für die Winzerlandschaft Churfrankens. Geprägt wird sie von zahlreichen kleinen Familienbetrieben. Viele haben einen angeschlossenem Gaststättenbetrieb, der aber nur wenige Wochen im Jahr geöffnet ist. Was im Badischen Straußwirtschaft heißt und im Württembergischen Besen, ist hier im Fränkischen unter dem Namen Häckerwirtschaft allgegenwärtig. Ein kleiner Weinkalender, der in jeden Geldbeutel passt, gibt Auskunft darüber, wo man gerade einkehren kann. Die Häckerwirtschaften sind so etwas wie die Seele Churfrankens. Ein beträchtlicher Teil des einheimischen Weins wird dort weggeschluckt, begleitet von deftigen Speisen wie Kochkäse oder Bratwürste. Unbedingt einmal probieren sollte man Leiterchen: gebratene oder gekochte Schälrippchen, oft mit Sauerkraut und Kartoffelbrei serviert. Überhaupt: Churfanken ist eine Genussregion, in vielen Dörfern kommt das Brot noch vom örtlichen Bäcker und das Fleisch vom heimischen Metzger. Und nicht aus einer Großbäckerei oder einem Großschlachter.

Abseits des Mains sind selbst Weinliebhabern nur wenige Winzer bekannt. Schade, schließlich gibt es in den Weinbergen und Kellern vieles zu entdecken. Wie in anderen Anbaugebieten auch ist es oft die junge Winzergeneration, die kräftig am Experimentieren ist. Mit 10 Hektar Weinbergen zählt Uli Kremer in Großheubach zu den größten Newcomern der Region. „Ich wollte und musste meine eigenen Fehler machen“, räumt der 29-Jährige ein. So habe er auch schon mal 2.000 Liter einfach in den Ausguss gekippt, „weil er einfach scheiße schmeckte.“ Sehr zum Verdruss seines Vaters übrigens. „Ich will Weine machen, die mir schmecken“, fügt Kremer hinzu. „Und wenn sie mir schmecken, dann schmecken sie auch dem Kunden.“

Das Ende des Fränkischen Rotweinwanderwegs wartet mit gleich zwei Highlights auf. Zunächst Miltenberg mit seiner trubeligen und dennoch unaufgeregten Altstadt samt zahlreichen Fachwerkhäusern. Hauptfotomotiv neben dem Marktplatz ist das rustikale „Gasthaus zum Riesen“. Erstmal urkundlich erwähnt im Jahr 1411, liegt es in Konkurrenz mit dem „Bären“ in Freiburg im Kampf um den Titel „Ältestes Gasthaus in Deutschland“.

Das benachbarte Bürgstadt dagegen lockt weniger mit einem historischen Ortsbild, sondern mit den besten Spätburgundern der Region. Einsame Spitze ist hier Paul Fürst. Der bescheiden daherkommende 66-Jährige zählt mit herausragenden Qualitäten zu den deutschen Topwinzern. Die renommiertesten deutschen Weinführer verleihen ihm allesamt das Prädikat „Weltklasse“. Ein Fläschlein etwa vom Bürgstadter Centgrafenberg in der guten örtlichen Gastronomie ist der verdiente und perfekte Abschluss für die Mehrtageswanderung entlang des Mains.

Weitere Informationen
Anreise mit dem Auto: von Heidelberg nach Großwallstadt über die A5 und die A3. Fahrtdauer knapp anderthalb Stunden. Oder von Darmstadt über die B26, die Strecke ist etwas kürzer, die Fahrtdauer annähernd gleich
Anreise mit dem Zug: ab Heidelberg meist mit zweimaligem Umsteigen in Darmstadt und in Aschaffenburg, Fahrtdauer zwei bis zweieinhalb Stunden.
Übernachten, Essen und Trinken: am Fränkischen Rotweinwanderweg gibt es eine ausreichende Zahl von Gastwirtschaften, Landgasthöfen und Hotels.
Unbedingt besuchen: die Häckerwirtschaften.
Weitere Informationen: Churfranken e.V., Tel. 09371/6606975, www.churfranken.de, info@churfranken.de

Blick auf Klingenberg vom fränkischen Rotweinwanderweg - (c) Klaus Pfenning
Der Fasskeller Helmsttter am fränkischen Rotweinwanderweg - (c) Klaus Pfenning
Durch die Landschaften Churfrankens führt der fränkische Rotweinwanderweg - (c) Klaus Pfenning
Zahlreiche Weinberghäuschen findet man in den Weinbergen von Churfranken - (c) Klaus Pfenning
Rotweinwanderer, der bekannte Winzer Paul Fürst - (c) Klaus Pfenning
Immer dem Logo nach auf dem fränkischen Rotweinwanderweg - (c) Klaus Pfenning
Zahlreiche Weinberghäuschen findet man in den Weinbergen von Churfranken - (c) Klaus Pfenning
Der Erfinder des fränkischen Rotweinwanderweges, Willi Stritzinger - (c) Klaus Pfenning