Helge Timmerberg - Die Strassen der Lebenden

Helge Timmerberg - Die  Strassen der Lebenden - Storys von unterwegs (Malik Verlag)

In 21 Kurzgeschichten in „Die Strassen der Lebenden“ beschreibt Helge Timmerberg in seinem lässigen Schreibstil seine Reisen, die ihn zu Zielen weltweit führen. Die einzelnen Geschichten sind spannend geschrieben, selbst bei ganz banalen Begebenheiten im Alltag kommt keine Langweile auf. Helge Timmerberg ist der Rockstar, der Reiseliteratur.

Helge Timmerberg fand schon als Siebzehnjähriger in Indien zu seinem Beruf und berichtet seitdem von überall auf der Welt über seine Reisen, denn er ist quasi süchtig aufs Unterwegssein. Er geht immer aufs Ganze und probiert alles aus.

Vor der Lesung seines neuen Buchs „Die Strassen der Lebenden“ raucht Helge Timmerberg noch eine Zigarette im Freien. Er verteilt beim Eintreten in den Saal noch Begrüßungsküsse an ein paar Frauen, geht zur Bühne und spielt als Sound-Check ein paar Akkorde auf seiner Gitarre. Eine große Karaffe mit Weinschorle steht auf dem Pult zum Lesen bereit, das ist Tradition bei ihm. Er verkündet, er hat sein Buch zur Lesung vergessen und schlägt vor, dass er aus der Erinnerung liest. Aber es gibt ja einen Verkaufstand mit seinen Büchern, das vergessene Buch ist also kein Problem. „Ich freue mich immer auf den ersten Schluck Weinschorle und auf das Kiffen nachher. Ich warte immer, dass die Polizei zur Lesung kommt. Jetzt wird es ernst“, sagt Helge Timmerberg und beginnt mit der Lesung. In seinem neuesten Buch „Die Strassen der Lebenden“  erzählt er in Kurzgeschichten von seinen Reisen. In Barcelonas Rambla, teilt er die die Altstadt in Legal und Illegal und in Gut und Böse ein. In Palermo schreibt er sich kräftezehrenden Liebeskummer von der Seele. In Fukushima erlebt er tiefste Demut – und in Rio hat er einen grandiosen Filmriss. Seine Ruhelosigkeit treibt ihn von Amsterdam, Neukölln, Ostwestfalen auch noch zum Hohen Atlas. Zwischendurch greift er zur Gitarre und singt „Fährt ein weißes Schiff nach Hongkong“.

Helge Timmerberg wurde 1952 in Dorfitter in Hessen geboren, er ist Journalist und schreibt Reisereportagen aus aller Welt. Er hatte bereits Veröffentlichungen in der Süddeutschen Zeitung, der Zeit, Spiegel, Stern, Allegra und Playboy. Seine Bücher „Im Palast der gläsernen Schwäne“, „Tiger fressen keine Yogis“, „Das Haus der sprechenden Tiere“, „Shiva-Moon“, „In 80 Tagen um die Welt“, „Der Jesus vom Sexshop“ und „African Queen“.

Auszug aus dem Buch:
Die Strassen der Lebende

Barcelona
Ich ging mit Ferdinand durch das Gotische Viertel von Barcelona. Es war Abend, ich hatte noch kein Hotel und wollte in seinem fragen, ob sie noch ein Zimmer für mich hätten. Ich fühlte mich seltsam frei. »Seltsam«, weil dieses Gefühl seit geraumer Zeit so selten vorkam.

Ferdinands Zweisternehotel erwies sich als ausgebucht, aber gleich gegenüber gab’s ein anderes, ein komplett sternenloses, und an der Rezeption saß ein fettleibiger Mann, dessen Herkunft sich mir nicht auf Anhieb erschloss. Ägypter? Libanese? Pakistani? Er war gut drauf. Er hatte ein Zimmer. Und als ich fragte, ob ich dort rauchen dürfe, sagte er etwas sehr Schönes und sehr Wahres.

»It’s your room!«

Mein Herz hüpfte kurz vor Freude, wie immer, wenn es nach Hause kommt. In einem Raum, für den man bezahlt, kann man machen, was man will. Aber weil es nur 35 Euro waren, mochte ich ihn mir nicht ansehen, bevor wir gegessen und getrunken hatten. Ein entspannter Abend in Barcelona lag vor uns, und ich wollte nicht, dass er durch den Ausblick auf ein möglicherweise verlaustes Ende an Leichtigkeit einbüßt. Wir verließen das Hotel und gingen zur Rambla zurück. Die Prachtchaussee, die an der Plaça de Catalunya beginnt und am Meer endet, teilt die Altstadt in Legal und Illegal, manche sagen auch, in Gut und Böse, weil sie Dealer und Huren moralisch verurteilen, ohne zu wissen, wie es sich anfühlt, Dealer oder Hure sein zu müssen. Das ist eine billig erworbene Moral, und wir teilten sie Gott sei Dank nicht. Wir suchten ein Restaurant in untouristischer Atmosphäre, und sonst suchten wir nichts. Es war ja alles da. Die Gassen, das Leben und der Mond darüber. Vollmond, wie mir schien. Früher hätte ich das als Warnung verstanden, denn ich wäre bei diesem Licht nicht unbeschadet durch ein Hurenviertel gegangen. Schnee von gestern, Koks von gestern, das Bungee-Jumping der Seele reizte mich heute nicht mehr, wie ein Schuss ins Knie.

Eine Mulattin löste sich von einer Gruppe aus drei Männern, als sie uns vorbeispazieren sah. Sie winkte uns mit einer Zigarette, die noch unangezündet war. Sie hätte sich auch von ihren Freunden Feuer geben lassen können, denn sie rauchten alle. Aber es war klar, dass sie hier in ihrer Nikotinsucht eine Chance für bezahlten Geschlechtsverkehr sah. Außerdem war ich schneller, auch schneller als Ferdinand.

Sie kam ganz nah heran, als ich ihr Feuer gab, und weil sie eine kleine Mulattin war, musste ich an ihr hinuntersehen, damit sich niemand verbrannte. Unter der Zigarette, die nun zu glühen und zu dampfen begann, sah ich prall mit Milch und Honig gefüllte Brüste. Drei ewige Sekunden lang gab ich mich dem Anblick hin, und »thank you« sagte dann nicht sie, sondern ich. Es war ein aufrichtiges Dankeschön, aus tiefster Seele und reinstem Herzen, und es galt nicht nur ihr, sondern auch der Kraft, die solche Momente arrangiert. Die Hure verstand das. Und war berührt. Von dieser Mischung aus guten Manieren, optimaler Chancenverwertung und niedlicher Ehrlichkeit fühlte sie sich respektiert. Und sie respektierte mich. Es wurde nicht weiter gebaggert. Sie trat lächelnd zurück in die Finsternis und nahm ein bisschen von der Liebe mit.

Harmloser geht Vollmond nicht...

Fact: Die Kurzgeschichten in „Die Strassen der Lebenden“ motivieren zum Reisen, am liebsten möchte man selber gleich zu einer Reise aufbrechen.

Die Strassen der Lebenden von Helge Timmerberg,  Malik Verlag, ISBN 978-3-89029-486-5, www.malik.de, www.piper.de
Das Buch kostet im Buchhandel 20,00 Euro.

 

Helge Timmerberg - Die  Strassen der Lebenden - Storys von unterwegs (Malik Verlag)

Über den Autor

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Gabi Dräger

Wo findet man Gabriele Dräger in den Bergen? Natürlich in einer Alm bei einer Brotzeit., denn Almen mit guter Küche ziehen sie magisch an. Gipfel nimmt sie auch hin und wieder mit. So hat sie einige 5.000er beim Trekking in Süd Amerika und Nepal, bestiegen. Ihre Hochleistung war der Kilimandscharo mit 5.895 Meter. Kultur und Brauchtum faszinieren sie genauso, wie Städte und Kunstausstellungen. Obwohl sie gerne in urigen Berghütten übernachtet ist sie dem Luxus von guten Hotels nicht abgeneigt.